Oft wird Übergewicht als reines Problem mangelnder Selbstbeherrschung dargestellt. Doch die moderne Wissenschaft zeigt ein ganz anderes Bild. Es ist an der Zeit, mit Vorurteilen aufzuräumen und die echten Ursachen zu verstehen.
Was ist Adipositas eigentlich?
In Deutschland gilt mittlerweile mehr als die Hälfte der Menschen als übergewichtig. Adipositas wird von Fachgesellschaften als eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts definiert, die meist mit einem erhöhten Körpergewicht einhergeht.
Zur Beurteilung nutzen wir oft den Body-Mass-Index (BMI). Aber Vorsicht: Der BMI ist ein nützlicher Richtwert, berücksichtigt aber nicht deine individuelle Körperzusammensetzung – wie zum Beispiel einen hohen Muskelanteil bei Sportlern.
Warum die Fettverteilung entscheidend ist
Viel wichtiger als die Zahl auf der Waage ist, wo dein Körper Fett speichert. Wir unterscheiden hier zwei Typen:
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Der Birnen-Typ: Das Fett verteilt sich eher an Hüften und Oberschenkeln.
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Der Apfel-Typ: Das Fett sitzt innerhalb des Bauchraums (viszerales Fett).
Dieses Bauchfett ist besonders tückisch, da es entzündungsfördernde Botenstoffe produziert, die deine Blutgefäße und dein Immunsystem belasten können. Kommen dazu noch Bluthochdruck oder schlechte Blutzuckerwerte, sprechen Mediziner vom Metabolischen Syndrom. Das Metabolische Syndrom gilt heute als der Hauptrisikofaktor für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle, infolge von massiven Schädigungen der Gefäßwände. Eine gezielte Reduktion des viszeralen Bauchfetts ist daher die wirksamste Methode, um diesen gefährlichen Kreislauf zu durchbrechen und deine langfristige Gesundheit zu sichern. Die gute Nachricht: Durch eine gezielte Ernährungsumstellung lässt sich dieses Risiko entscheidend senken.
Warum essen wir oft mehr, als wir brauchen?
Es ist nicht einfach nur „zu viel Essen“, sondern ein komplexes Zusammenspiel aus Biologie, unserer modernen Umwelt und gelernten Mustern. Wichtig zu wissen: Diese Faktoren müssen nicht alle gleichzeitig auf dich zutreffen. Ein Faktor alleine ist schon in der Lage den Stoffwechsel durcheinander zubringen.
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Evolution als Falle: Unsere Vorliebe für süße und fettige Lebensmittel war früher überlebenswichtig. Heute leben wir in einem „Schlaraffenland“, auf das unser Stoffwechsel nicht vorbereitet ist.
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Das hungrige Gehirn & Stress: Chronischer Stress schüttet Cortisol aus. Das treibt den Insulinspiegel hoch und steigert den Appetit auf kalorienreiche „Belohnung“.
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Verlernte Sättigungssignale: Wir essen oft aus Gewohnheit oder Ablenkung durch Smartphones, statt auf echte Hunger-Signale zu hören.
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Soziale Prägung & Glaubenssätze: Sätze wie „Iss den Teller leer“ oder der Wunsch, in Gruppen dazuzugehören, prägen unser Essverhalten oft lebenslang.
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Versteckte Bremsen: Auch Krankheiten (z. B. Schilddrüsenunterfunktion) oder Medikamente können eine Gewichtszunahme begünstigen, ohne dass du dein Essverhalten geändert hast.
Mein Fazit für dich
Übergewicht ist keine Frage von Schuld. Wir leben in einer Welt, die es unserem Gehirn oft sehr schwer macht, das natürliche Gleichgewicht zu halten.
Der erste Schritt zu einer nachhaltigen Veränderung ist das Verständnis für diese Zusammenhänge. Es geht nicht um die nächste Crash-Diät, sondern um einen gesunden Lebensstil, der zu deinem Alltag passt.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keinen ärztlichen Rat.
Quelle: Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich: Das große Praxisbuch Ernährungsmedizin. GU Verlag, 2024.